GANT REPORTAGE

AUF DEM SCHIRM



  • Wir leben im goldenen Zeitalter der Dokumentarfilme. Non-Fiction-Filme scheinen den aktuellen Zeitgeist zu treffen. Eine Person, der wir dafür danken können, ist Lisa Nishimura, Vizepräsidentin für eigenproduzierte Dokumentationen und Komödien bei Netflix.

    Worauf achten Sie besonders, wenn Sie Filmemacher kennenlernen?
    Ich frage sie immer, in welchem Universum sie sich bewegen möchten und was sie mir als Zuschauer zeigen werden. Ich suche Filmemacher, die eine unsterbliche Leidenschaft dafür haben, eine ganz spezielle Geschichte zu erzählen, und dabei fast obsessiv an alle verschiedenen Wege gedacht haben, wie man diese Geschichte auf dem Bildschirm zum Leben erwecken kann.

    Warum sind Dokumentarfilme und -serien derzeit so erfolgreich?  
    Wir leben in verwirrenden und manchmal beängstigenden Zeiten – und wir alle wollen diese Welt, in der wir leben, besser verstehen. Dokumentarfilme, die von großartigen Filmemachern gedreht werden, ermöglichen uns einen Einblick in die Welt einer anderen Person und lassen uns ihre Erfahrungen aus erster Hand miterleben. Der Kontext und die Gründe für die Entscheidungen, die diese Menschen treffen, faszinieren uns alle.

    Warum wurde aus Making a Murderer ein solches Phänomen?
    Diese Geschichte spielte sich in einer unbekannten, ländlichen Gegend in Wisconsin ab und ich dachte mir: Wird das irgendjemanden außerhalb von Wisconsin interessieren? Es stellte sich heraus, dass die Welt sich vollkommen darauf einließ. Mir wurde schnell klar, dass es in dieser Geschichte um Gerechtigkeit geht. Es geht um das Strafrechtssystem. Es geht um Familie. Und diese Themen gehen uns alle etwas an.


    Was denken Sie darüber, dass die Zuschauer Shows wie Making a Murderer oder The Staircase als Freizeitbeschäftigung sehen, wo doch in beiden Serien tatsächlich jemand gestorben ist?
    Es geht hier um wahre Leben und wir sind uns der Tatsache bewusst, dass wir mit einer globalen Plattform wirklich etwas bewegen können. Deshalb ist es extrem wichtig, in welchem Kontext wir diese Geschichten erzählen. Aus diesem Grund ist auch die Wahl der Filmemacher essenziell. Sie müssen die Fakten sprechen lassen und die ganze Komplexität der Geschichte verdeutlichen.

    Sie sind Vizepräsidentin für Dokumentationen und Komödien. Was haben diese beiden Genres gemeinsam?
    Sie wirken sehr unterschiedlich, aber sie sind meine beiden liebsten Storytelling-Formen. Und tatsächlich haben sie auch viele Gemeinsamkeiten. Wenn man sich die bekanntesten Komiker und die bedeutendsten Dokumentationen ansieht, erkennt man, dass es im Kern immer um eine ganz genaue Beobachtung des Menschen geht. Wenn ich eine Party oder ein Event veranstalte, endet es immer damit, dass sich die Komiker und die Dokumentaristen miteinander unterhalten. Einer der Gründe hierfür ist ihre obsessive Faszination mit ihrer Umwelt. Beide helfen uns auf ihre Art und Weise, diese Welt besser zu verstehen.

    Woran erkennen Sie, dass jemand witzig ist? Oder, um genauer zu sein: Woran erkennen Sie, dass ein Großteil der Zuschauer einen Menschen witzig finden könnte?
    Wir sehen uns überall auf der Welt Shows an, um die besten Komiker zu finden. Die besten Jokes sind die, in denen man sich selbst wiedererkennt. Der Moment, in dem man in einer Comedy-Show sitzt und der Komiker sagt etwas, was man selbst schon seit vielen Jahren denkt. Genau diese Gedanken in Worte zu fassen, das macht den Zauber für mich aus. Das gilt auch für Dokumentationen, die uns aus erster Nähe in eine Welt eintauchen lassen, die weit von unserer eigenen entfernt ist. Trotzdem können wir uns mit den Erfahrungen der Personen identifizieren. Auf diese Weise entwickeln wir Verständnis und Mitgefühl. Obwohl es nicht immer gewollt ist, passiert das bei talentierten Erzählern auf ganz natürliche Art und Weise. Gute Geschichtenerzähler regen uns zum Nachdenken an und sorgen dafür, dass wir die Welt, in der wir leben, hinterfragen.

    Text: Sofie Zettergren

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